Warum dein Gehirn so gerne in negativen Gedankenschleifen hängen bleibt
... und wie du dein inneres Team für dich arbeiten lässt
Kennst du das? Ein kleiner Gedanke taucht auf – und plötzlich bist du mitten in einer Gedankenspirale: "Was, wenn ich versage?", "Warum passiert mir das immer?", "Ich hätte anders reagieren sollen." Diese inneren Dialoge laufen oft automatisch ab und rauben Energie, Motivation und Selbstvertrauen.
Ich begegne diesem Phänomen täglich in meiner Arbeit mit Klientinnen und Klienten. Ein zentraler Schlüssel liegt darin, das eigene innere Team kennenzulernen und zu verstehen, warum bestimmte Anteile besonders laut werden, wenn es um negative Gedanken geht.
In diesem Beitrag erfährst du, warum dein Gehirn Negatives bevorzugt, welche Rolle dein inneres Team dabei spielt und wie du aus negativen Gedankenschleifen aussteigen kannst.
1. Dein Gehirn ist auf Überleben programmiert – nicht auf Glück
Unser Gehirn ist ein Meisterwerk der Evolution. Millionen Jahre lang ging es darum, Gefahren zu erkennen, Risiken zu vermeiden und das Überleben zu sichern. Dieses Erbe tragen wir noch heute in uns.
Psychologen sprechen vom Negativity Bias – der Tendenz, negative Informationen stärker wahrzunehmen und länger zu speichern als positive. Ein kritischer Kommentar wiegt oft schwerer als zehn Komplimente. Ein Fehler bleibt hartnäckig in unserem Kopf, während unsere Erfolge schnell verblassen.
Das war evolutionär sinnvoll: Wer Gefahren schneller erkannte, hatte bessere Überlebenschancen. In unserer heutigen Welt führt dieser Mechanismus jedoch dazu, dass wir uns gedanklich oft auf Probleme, Risiken und Fehler fokussieren.
2. Gedankenschleifen – wenn dein Gehirn im Autopilot läuft
Negative Gedankenschleifen entstehen, wenn das Gehirn immer wieder dieselben Denkmuster aktiviert. Diese Muster sind wie Trampelpfade im Gehirn: Je öfter du sie gehst, desto breiter und automatischer werden sie.
Typische Formen negativer Gedankenschleifen sind:
Grübeln über Vergangenes ("Warum habe ich das gesagt?")
Katastrophisieren der Zukunft ("Das wird sicher schiefgehen.")
Selbstkritik und Abwertung ("Ich bin nicht gut genug.")
Das Gehirn sucht nach Lösungen, bleibt aber paradoxerweise im Problem stecken. Es will Kontrolle, Sicherheit und Vorhersagbarkeit herstellen – und bleibt dadurch in bekannten Wiederholungen gefangen.
3. Dein inneres Team – wer denkt da eigentlich in deinem Kopf?
Ein hilfreiches Modell in der Coaching- und Beratungspraxis ist das innere Team (angelehnt an Schulz von Thun). Es beschreibt die verschiedenen inneren Anteile oder Stimmen, die in dir wirken.
Diese Anteile haben unterschiedliche Aufgaben, Motive und Kommunikationsstile. Sie sind nicht "gut" oder "schlecht" – sie wollen dich schützen, motivieren oder vor Fehlern bewahren.
Typische Teammitglieder in negativen Gedankenschleifen
Der innere Kritiker: Bewertet streng, weist auf Fehler hin, will Perfektion.
Der ängstliche Beschützer: Warnt vor Risiken, malt Worst-Case-Szenarien aus.
Der Antreiber: Drängt zu Leistung, hat hohe Erwartungen, wenig Geduld.
Das verletzte Kind: Reagiert sensibel auf Ablehnung, fühlt sich schnell unsicher.
Diese Anteile übernehmen oft das Ruder, wenn du unter Stress stehst. Sie greifen auf alte Erfahrungen zurück und reagieren schneller, als dein bewusster Verstand eingreifen kann.
4. Warum negative Teammitglieder so laut sind
Negative Gedankenschleifen entstehen häufig, weil bestimmte innere Teammitglieder besonders stark aktiviert sind. Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Schutz vor Schmerz: Viele negative Gedanken stammen aus Schutzmotiven. Der innere Kritiker will dich vor Blamagen bewahren, der ängstliche Beschützer vor Enttäuschungen. Lieber "worst case" denken als überrascht werden.
- Gewohnheit und Lernerfahrung: Wenn du in deiner Biografie häufig Kritik, Unsicherheit oder Druck erlebt hast, sind diese Stimmen gut trainiert. Sie springen automatisch an – selbst wenn die aktuelle Situation harmlos ist.
- Stress und Überforderung: Unter Stress übernimmt das limbische System. Der präfrontale Cortex – zuständig für rationales Denken – wird weniger aktiv. Dein inneres Team reagiert emotional, schnell und oft negativ.
5. Die neurobiologische Seite von Gedankenschleifen
Gedanken sind nicht nur psychologische Phänomene, sondern neurobiologische Prozesse.
Neuronale Netzwerke: Häufig genutzte Gedankenbahnen werden stärker verschaltet.
Amygdala: Alarmzentrum für Gefahr – reagiert stark auf negative Reize.
Default Mode Network: Aktiv, wenn du nicht fokussiert bist – oft Quelle von Grübelgedanken.
Je öfter du eine negative Schleife durchläufst, desto "effizienter" wird dein Gehirn darin. Das ist neuroplastisch – und zum Glück auch durch Training zum Positiven hin veränderbar.
6. Dein inneres Team bewusst führen – vom Autopiloten zum Dirigenten
Der Schlüssel liegt nicht darin, negative Gedanken zu verbannen, sondern dein inneres Team bewusst zu führen.
- Wahrnehmen statt bewerten: Der erste Schritt ist die Beobachtung.
- Dialog mit inneren Anteilen: Statt sie zu bekämpfen, kannst du innerlich in Dialog treten: "Danke für deinen Hinweis, lieber Kritiker. Was genau willst du mir sagen?"
"Wovor willst du mich schützen?" So transformierst du unbewusste Reaktionen in bewusste Selbstführung.
- Den inneren Teamleiter stärken: In jedem Menschen gibt es einen Teamleiter-Anteil – deinen bewussten, reflektierten Selbstanteil. (Dirigent oder Regisseur deines inneren Teams, also der Chef!!!) Dieser kann entscheiden, welche Stimmen gehört werden und welche leiser treten dürfen.
7. Praktische Strategien gegen negative Gedankenschleifen
- Gedankenstopp und Re-Fokus: Ein bewusstes inneres "Stopp" unterbricht die Schleife. Danach richte deine Aufmerksamkeit gezielt auf Sinneswahrnehmungen (Achtsamkeitstraining, Atem...) oder eine konkrete Aufgabe.
- Schreiben und Externalisieren: Notiere deine Gedanken. Dadurch verlagerst du sie aus deinem Kopf auf Papier und schaffst Abstand. Du kannst dein inneres Team sichtbar machen und sortieren.
- Kognitive Umstrukturierung: Hinterfrage automatische Gedanken: Ist das eine Tatsache oder meine Interpretation? Welche alternative Sichtweise gibt es?
Stärke positive Teammitglieder:
den Ermutiger
die weise Mentorin
den Realisten
das spielerische Kind
Diese Stimmen helfen, Balance ins Team zu bringen.
8. Gedankenschleifen als Einladung zur Selbstführung
Negative Gedankenschleifen sind kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis: Dein inneres Team möchte gehört werden. Wenn du lernst, diese Stimmen zu verstehen, kannst du sie als wertvolle Informationsquelle nutzen.
Statt dich von ihnen steuern zu lassen, wirst du zur bewussten Dirigentin deines inneren Orchesters.
9. Fazit
Dein Gehirn liebt negative Gedankenschleifen nicht, um dich zu quälen, sondern um dich zu schützen. Diese Schleifen entstehen aus evolutionären Mechanismen, Lernerfahrungen und inneren Anteilen mit Schutzmotiven.
Indem du dein inneres Team kennenlernst, entwickelst du Selbstmitgefühl, Klarheit und mentale Stärke. Du gewinnst Abstand zu automatischen Gedanken und stärkst deine Fähigkeit zur bewussten Selbstführung.
Wenn du möchtest, begleite ich dich gerne dabei, dein inneres Team kennenzulernen und aus belastenden Gedankenschleifen auszusteigen – in einem Coaching in Linz oder Großraming oder in einem Seminar für Teams und Organisationen.



